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SmartSelf: Gaming-Experten setzen auf Gewinne

Jens Präkelt und Martin Apler haben eine Gewinnspiel-Plattform für Influencer*innen und deren Communitys entwickelt. Hunderttausende nutzen GHEED bereits. Wie das Startup aus Halle Level für Level erreicht.  

Halle (Saale).  Über 26 Millionen Menschen haben 2020 täglich auf Twitch.tv geklickt. Das Videoportal ist vergleichbar mit YouTube. Es gibt nur einen Unterschied: Bei Twitch ist alles live. Jeden Tag übertragen Streamer*innen auf der ganzen Welt vor allem Videospiele oder E-Sports-Wettkämpfe in Echtzeit. Nicht nur Sieg und Niederlage entscheiden über Erfolg, sondern auch die Zahl der Follower*innen. Eine Plattform aus Halle namens GHEED bietet den Influencer*innen die Möglichkeit, ihre Reichweite auf Twitch durch Gewinnspiele zu erhöhen.  

Verlosungen haben eine virale Wirkung. Erst recht, wenn der Preis attraktiv und das Mitmachen leicht ist. Über GHEED braucht man für das Erstellen von Gewinnspielen nur wenige Klicks. Gamer*innen, die ihrer Community etwas zurückgeben und neue Fans erreichen möchten, können auf der Plattform aus einer Vielzahl geeigneter Hauptgewinne wählen. Besonders beliebt: Hardware wie Tastaturen oder Computer. Dann legen sie die Teilnahmebedingungen fest und um den Rest kümmert sich GHEED.  


Organisation von Aktionsstart bis Zusendung

Die Verlosungs-Plattform liefert die technischen Voraussetzungen, um Gewinnspiele leicht auf Twitch-Kanälen einzubinden. Alles läuft automatisch und rechtssicher – vom Aktionsstart bis zum Versenden der Preise. Es profitieren nicht nur Streamer*innen: Fans können über die Plattform unkompliziert und kostenfrei an den Gewinnspielen teilnehmen und sehen immer aktuell, wo es etwas zu holen gibt. Für Unternehmen ist die Website eine Marketing-Plattform, auf der sie ihre Produkte reichweitenstark platzieren.   

Die Idee zu GHEED hatte Martin Apler. Er ist selbst Gamer. Seit 2015 streamt der 30-Jährige das Strategiespiel DotA 2 und seine über 30.000 Follower*innen schauen zu. „Du spielst fünf gegen fünf. Die Kunst ist es, das Team durchzubekommen“, sagt Martin. Gebäude verteidigen, Gegner*innen aus dem Weg räumen, lautet dabei die Devise. „Meine Stärke ist tatsächlich immer, der Anführer zu sein. In der Rangliste bin ich recht weit gekommen, weil ich einfach immer den Ton angegeben habe.“ Der Wettkampf reizt ihn beim Spielen am meisten, genau wie Jens Präkelt. Zusammen haben sie die SmartSelf GmbH gegründet, das Startup hinter GHEED. 


Nach dem Gameboy in den Multiplayer-Modus

Beide kennen sich seit Kindertagen. Sie sind gleich alt und wachsen in Zscherben auf, einem Dorf sieben Kilometer entfernt von Halle. Dank Martin verliert der Gameboy für Jens schnell seinen Reiz. Warum Einzelspielermodus, wenn man zu zweit noch mehr Herausforderungen meistern kann? Mit dem neuen Schulfreund, der schon im Alter von sieben Jahren am Computer seines großen Bruders zockte, eröffnen sich für Jens neue virtuelle Welten – wenn auch unter erschwerten technischen Bedingungen. „Man musste immer die Eltern fragen, wenn man ins Internet wollte, weil sie währenddessen nicht angerufen werden konnten“, sagt Jens. Eine Zeit, die auch Martin noch gut in Erinnerung hat. „Wir hatten im Monat nur 90 Stunden Internet und ich durfte davon 30 nutzen. Es war die Hölle.“  

Erst mit 18 Jahren ist für beide die Zeit der Drosselung und der Nachmittage im Internet-Café vorbei. DSL heißt der neue Standard. „Nach der Schule hat es uns in alle Winde verstreut“, sagt Jens. „Spielen war eine gute Möglichkeit, den Kontakt zu halten.“  


Twitch macht erfinderisch

Jens geht an die Hochschule Merseburg, studiert Wirtschaftsinformatik und arbeitet als SAP-Berater bei einem IT-Dienstleistungsunternehmen in Halle. Martin zieht es nach Berlin an die Freie Universität. Nach dem Studium arbeitet er als Analyst bei einem Pharmakonzern. Doch die Entwicklungen auf dem Videoportal Twitch wecken den Unternehmergeist der Freunde

„Als ich mit dem Streamen anfing, wusste man schon, dass sich damit Geld verdienen lässt“, sagt Martin. „Ich hatte nach zwei Monaten so viele Zuschauer, dass ich über deren Spenden mehr verdient habe als mit meinem damaligen Gehalt. Da wusste ich, dass ich das garantiert auch Vollzeit machen kann.“ Bei Jens wächst etwa zeitgleich der Wunsch nach etwas Eigenem. „Obwohl es an meinem Job nichts auszusetzen gab, war ich auf der Suche“, sagt er. „Ich hatte das Bedürfnis, mich freier und kreativer zu entfalten und fand Martins Entwicklung sehr spannend.“ 

"Man kann hier relativ günstig ein Startup aufbauen und trotzdem die gleichen Leistungen anbieten, wie Firmen, die in München oder Dortmund sitzen.“ — Jens Präkelt

Im Januar 2016 machen sie sich erste Gedanken über eine gemeinsame Gründung. Die damalige Geschäftsidee: ein Analyse-Tool für Streamer*innen. Als Analyst und Gamer hatte Martin sein eigenes Spiel genauestens untersucht. Er hatte Daten gesammelt, die Aufschluss darüber gaben, welche Faktoren die Zahlen der Follower*innen in die Höhe schnellen ließen und die Reichweite vergrößerten. Seine Ergebnisse sind die Basis für den Weg zum Startup. Für die Umsetzung stößt Informatiker Chung Nguyen zum Gründerteam, ein Kollege von Jens.

„Vieles lief am Anfang nebenbei. Wir haben zunächst einmal geschaut, welche Fördermöglichkeiten es gibt“, sagt Jens. Bei der Recherche stoßen sie auf das EXIST-Gründerstipendium, eine Förderung vom Bund, die den Lebensunterhalt des Teams für mindestens ein Jahr absichert und auch Beratungsleistungen bietet.  


Hand in Hand zum Gründungsstipendium

Hilfe beim Beantragen kommt vor allem vom Transfer- und Gründerservice der Uni Halle, eine der ersten Anlaufstellen für die Gründer. „Dort hat man den Antrag unter anderem Korrektur gelesen und explizit Stellen markiert, wo wir noch was ändern sollen“, sagt Martin. „Die haben uns da richtig an die Hand genommen.“ Beide sind überzeugt: Allein hätten sie das niemals leisten können. 

Was die Rechtsform ihres Unternehmens angeht, war Martin und Jens immer klar: Sie wollen eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) gründen. Ein Investor aus dem familiären Umfeld stellt dafür die notwendige Stammeinlage für die GmbH zur Verfügung. Nicht so klar ist die Reihenfolge der notwendigen Schritte im Gründungsprozess. Es geht es für das Startup-Team von der Bank zum Notar und wieder zurück. „Das Hin- und Her-Gerenne war schon ziemlich verrückt. Fragt man nicht gerade viele Leute und telefoniert rum, gibt es keine Chance, dass man das alles vorher weiß“, so Jens. Doch schließlich entsteht die SmartSelf GmbH.


Mit Energy Drinks zum Kurswechsel

„Ein erster Meilenstein war unser Büro, das wir in meiner Wohnung eingerichtet hatten“, sagt Martin. „Wir haben uns Energy Drinks geholt, um durchzuarbeiten.“ Obwohl sie alle Kräfte in die Entwicklung ihres Analyse-Tools stecken, ändern sie den Kurs zugunsten von GHEED. „Ich habe in meinem Stream auf Twitch ein Gewinnspiel gemacht“, erinnert sich Martin. „Ein Grafikkartenhersteller hatte mir eine Grafikkarte für eine Verlosung zur Verfügung gestellt. Ein toller Prozess, durch den der Hersteller Aufmerksamkeit bekam und ich viele neue Follower.“ Doch beim Versuch, erneut ein Gewinnspiel umzusetzen, wird es kompliziert. „Ich musste erstmal ein Produkt kaufen, es zu mir bestellen, alles wieder verpacken und verschicken. Das war sehr umständlich, da jemand aus den USA gewonnen hatte. Da habe ich gemerkt, für diesen ganzen Prozess kann man eigentlich ein super Tool bauen. Das haben wir dann gemacht“, sagt Martin.


Break Even dank Sinn und Synergien

Die neue Geschäftsidee stellt sich als vielversprechender heraus, da die Zielgruppe breiter ist. Einnahmen generiert GHEED durch die Streamer*innen und durch die Unternehmen, die ihre Produkte zur Verfügung stellen. Wer an den Gewinnspielen teilnimmt, zahlt nichts, sonst wäre es Glücksspiel. Nach über vier Jahren haben bereits 25.000 Influencer*innen und 620.000 Fans GHEED genutzt. 

„Wir sind allmählich beim Break Even, an dem Punkt, an dem wir unsere Kosten halten können“, sagt Jens. „Wir machen mittlerweile auch Sachen, die nicht konkret zu unserem Produkt gehören, die sehr viele Synergien und damit auch Sinn ergeben.“ So sind die Startup-Gründer auch beratend tätig, wenn es zum Beispiel um die Planung von Werbekampagnen mit Influencer*innen oder Vertragsverhandlungen geht. 


Der Traum vom eigenen Game

Das nächste Ziel: ein eigenes Computerspiel, auch weil es aktuell spannende Fördermöglichkeiten in dem Bereich gibt. Auch die Eroberung des englischen Marktes reizt die Gründer. Beides bezeichnen Jens und Martin jedoch noch als Spekulation. Sie wollen „flexibel bleiben und einfach agieren“, wenn sich die Möglichkeit bietet. 

Flexibel sind sie auch, was ihren Arbeitsort angeht. Die Stellung in Sachsen-Anhalt halten Martin und Chung. Jens lebt in Leipzig. Das gemeinsame Büro habe einfach keinen Sinn gemacht, und doch sehen sie den Standortvorteil Halle. „Die Region ist jetzt nicht die typische Startup-Region“, sagt Martin. „Gerade dadurch sind hier die Chancen auf Förderung größer. In Berlin ist alles so gesättigt.“ Außerdem seien die Lebenshaltungskosten geringer. „Man kann relativ günstig ein Startup aufbauen und trotzdem die gleichen Leistungen anbieten, wie Firmen, die in München oder Dortmund sitzen“, sagt Jens.  

Ob sie vor lauter Business selbst noch zum Spielen kommen? „In letzter Zeit ist das deutlich zurückgegangen, weil es auch noch andere spannende Sachen gibt“, sagt Jens. Und doch bleibt das Zocken eine verbindende Komponente. „Zum Junggesellenabschied von unserem Kumpel gab es eine Lan-Party“, sagt Martin. „Wir haben ein altes Herrenhaus gemietet, uns da mit unseren PCs hingesetzt und dann das Wochenende durchgezogen wie früher. Wir bleiben bei den Wurzeln.“

Veröffentlicht am 22. Juli 2021

Autorin: Anne Breitsprecher
Fotos: Carolin Krekow