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NutriPur: Versuch, Irrtum und die Früchte des Erfolgs

Hallesches Food-Startup erobert die Frühstückstische Deutschlands.

Halle. Die Idee kam beim Frühstück. Als die kleine Tochter von Heiko Gothe und Irina Zaytseva sich nicht die Rosinen, sondern die kleinen Erdbeerstückchen aus ihren Cornflakes pickte, war das die Geburtsstunde von NutriPur. Gefriergetrocknete Früchte und Fruchtmischungen sowie getrocknetes Frucht- und Gemüsepulver für den Hausgebrauch sind seither die Erfolgsbringer für das Lebensmittel-Startup aus Halle. Doch am Anfang war der „Heilbutt im Brickteig mit rahmigem Safrankraut“. 

Auf der Suche nach der Würze

„Wir wollten zu meinem Geburtstag etwas Besonderes machen“, erinnert sich Heiko Gothe. „Das Rezept hatten wir uns bei Johann Lafer rausgesucht.“ So weit, so einfach. Doch schon bei der Suche nach den Zutaten, vor allem nach den Gewürzen, wurde es kompliziert. „Meine Frau ist damals durch die ganze Stadt gelaufen und hatte am Ende 60 Euro nur für die Gewürze ausgegeben, von denen wir nicht wussten, ob wir sie jemals wieder benutzen würden“, sagt Heiko.

Ärgerlich, aber auch inspirierend. Schon seit einer Weile suchte das Paar nach einer Idee, um auch beruflich gemeinsame Wege zu gehen. Safran, Malabar-Pfeffer und Piment lieferten 2010 die nötige Würze für eine potenzielle Existenzgründung.


Kochen nach Zahlen als Geschäftsidee

Doch bis es soweit war, hieß es: Versuch und Irrtum. „Wir wollten mit Gewürzboxen das besondere Kochen vereinfachen. Kochen nach Zahlen sollte es werden“, so Heiko. In den Boxen befand sich daher nicht nur die Anleitung für ein Rezept abseits von Pasta und Schnitzel, sondern auch nur die Menge an Gewürzen, die man für die Zubereitung benötigt. Genuss groß, Verschwendung klein. Eine Online-Recherche bestätigte die Einmaligkeit dieser Idee. Heiko und Irina wählten Rezepte aus, kochten, bastelten Dummy-Boxen und richteten einen Muster-Online-Shop ein. Die Internetsuche führte das Paar außerdem zum Bundesverband Deutsche Startups.


Ruhe nach dem ersten Anlauf

Sie meldeten sich dort, erklärten ihre Idee und wurden nach Magdeburg zu einem Business-Angel-Event eingeladen. Hilfsangebote habe es an diesem Abend einige gegeben. Dabei ging es jedoch nicht um Investitionen, sondern um die Erstellung eines Business-Plans. „Was uns in dem Moment gefehlt hat, war jemand, der sich in der Lebensmittelbranche auskannte. Der praktische Ansprechpartner fand sich leider nicht“, so der 49-Jährige.

Trotz interessanter Kontakte – unter anderem zur Investitionsbank Sachsen-Anhalt und der Univations GmbH – und einem Beinahe-Angebot durch die Saalesparkasse ging es 2011 erst einmal nicht weiter. Es habe immer geheißen: „Beweist uns, dass die Gewürzboxen am Markt funktionieren“, sagt Heiko. „Vielleicht hatten wir uns zu diesem Zeitpunkt etwas verrannt. Unsere Tochter war gerade geboren. Wir beschlossen damals, sie erst einmal gut durchs Säuglingsalter zu bringen und zur Ruhe zu kommen.“


Existenzgründung nicht vom Tisch

Doch das Thema war nicht vom Tisch. Jedes Mal, wenn das Ehepaar in der Küche stand, beschlich sie das ungute Gefühl, eine Chance verpasst zu haben. „Wir wollten uns nicht in 20 Jahren ärgern, dass wir es gar nicht erst versucht haben“, sagt Heiko. Knapp zwei Jahre nach dem ersten Versuch starteten sie mit mehr Eigenkapital und höherer Eigenbonität einen neuen Anlauf.

Sie nahmen wieder Kontakt zur Univations GmbH in Halle auf. Von dort erhielt das Gründerpaar die Unterstützung für die Erstellung aller Unterlagen – vom Businessplan über die Bescheinigung der Tragfähigkeit bis zum Finanzplan. Dieses Mal gab es die Finanzierung von der Saalesparkasse und der Bürgschaftsbank, damit es unter dem Namen RezeptGewürze 2014 richtig losgehen konnte.

„Wir wollten uns nicht in 20 Jahren ärgern, dass wir es gar nicht erst versucht haben.“ — Heiko Gothe

Mit Erdbeeren in eine neue Richtung

Die gute Erkenntnis: „Es gibt immer Mittel und Wege. Man muss aber vielleicht ein bisschen bekloppt sein oder den richtigen Grund finden, warum man sich selbstständig machen will“, vermutet Heiko. Dass es neue Unternehmer*innen in der Stadt gab, sprach sich dank Medienberichten in Zeitung und Fernsehen schnell herum. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft machten sich die Berichte auch in den Umsatzzahlen bemerkbar, doch spätestens nach Ostern 2015 gingen die Bestellungen zurück. „Wir hatten zwar etwas Tolles entwickelt, aber die Boxen wurden als Präsent wahrgenommen. Eine Neuausrichtung musste her.“

Budgets für eine groß angelegte Marketingkampagne gab es nicht. Ein neues Design für die Verpackung wäre zeitlich zu aufwendig gewesen. Doch dann pickte Heikos und Irinas Tochter die gefriergetrockneten Erdbeeren aus ihrem Frühstück. „An dem Punkt wussten wir schon, dass wir etwas anderes als Gewürze finden müssen. Am besten etwas Trockenes, das als Alltagsprodukt taugt“, sagt Heiko. „Unsere Tochter aß diese Erdbeeren furchtbar gern, aber das Nachkaufen war im regionalen Einzelhandel nicht möglich.“ Da war sie, die Lösung für ihr Problem.  


Richtiges Thema zur richtigen Zeit

Irina und Heiko beschäftigten sich mit Dörrobst, kauften entsprechende Geräte und konzipierten eine Produktionskette. Dass eine Dampfsperre in ihre Verpackungen gehört, lernten sie in dieser Geschäftsphase. Wieder fehlte jemand, den die NutriPur-Gründer*innen hätten fragen können. „Zum damaligen Zeitpunkt waren wir im Bereich Food so ziemlich die einzigen Gründer im Raum Halle“, sagt Heiko. Das Gefühl, bei wichtigen Fragen auf sich allein gestellt zu sein, möchte er jungen Gründer*innen ersparen. „Ich gebe Startups gerne Auskunft.“

NutriPur kam mit dem neuen Thema genau zur richtigen Zeit. Haferflocken wurden zu Porridge und Müsli gehörte plötzlich nicht mehr in die Öko-Ecke, sondern zu einem neuen Lifestyle. Die NutriPur-Produkte setzten dem Trend die Früchte auf. Obwohl sie auf landesweiten Events wie dem Investforum Pitch-Day präsentierten, ließ sich jedoch kein Investor finden, um den nächsten Schritt zu finanzieren: den Sprung in die Supermarktregale. „Wir wussten, dass wir mit anderen Online-Anbietern nicht konkurrieren konnten, wir mussten in den Einzelhandel. Doch in den Zentralen der Handelsketten wollte niemand mit uns reden“, so der Unternehmer.


Ein Tipp brachte die Wende

Dann kam ein alles verändernder Tipp von der Bürgschaftsbank. „Die Bank verpflichtete uns nach einem Jahr Selbstständigkeit zu einem Coaching“, erinnert sich Heiko. Sie hätten sich ein wenig gesträubt, da man sich davon nicht viel erhofft habe. „Während des Coachings gab man uns den Rat, uns an die Agrarmarketinggesellschaft des Landes zu wenden.“ Gesagt, getan. Schon eine Woche nach dem Termin bei den Vermarkter*innen der Land- und Ernährungswirtschaft bekamen die Gründer*innen Besuch von der regionalen Einkäuferin einer großen Handelskette.

Die war begeistert von den gefriergetrockneten Früchten aus Halle. Wegweisend war auch die Zusage für einen Stand auf der Grünen Woche 2016 – inklusive Messeförderung durch die Investitionsbank Sachsen-Anhalt. Denn einen solchen Stand hätte sich das junge Unternehmen sonst  nicht leisten können. Eine Bedingung für eine Listung in den Märkten gab es allerdings noch: Die Produkte mussten einzelhandelstauglich werden.

Das Paar stimmte zu, obwohl es nicht wusste, was diese Vorgabe bedeutete. „Wir sind dann einkaufen gegangen und haben geschaut, wie es andere machen.“ Mit Erfolg. Noch im selben Jahr standen die NutriPur-Produkte in den ersten Regalen. Von da an eroberten sie einen Markt nach dem anderen in Sachsen-Anhalt. Die Umsätze stiegen, doch die Probleme blieben. Es fehlte an externem Geld, um schnell aus der regionalen Nische zu wachsen und Nachahmer*innen zuvorzukommen.


Neue Perspektiven in der Indoor-Fußballhalle

Über einen Kontakt von der Grünen Woche fand sich schließlich ein Investor aus Berlin, der mittlerweile Anteile an NutriPur besitzt. „Unser Investor ist europaweit im Einzelhandel aktiv, hat einen eigenen Außendienst und kann die Handelsketten zentral betreuen. Einige Sachen sind in einem großen Verbund einfacher, als wenn ich das alles allein mache.“ Seither erobern die gefriergetrockneten Früchte von der Saale vor allem die Metropolen des Landes. Überall da, wo berufstätige Eltern leben, die nicht mal eben im eigenen Garten Erdbeeren pflücken können, ist das NutriPur-Publikum zu Hause.  

Das Unternehmen hat seinen Standort nach längerer Suche im Frühling in eine ehemalige Indoor-Fußballhalle verlegt. Produzierten sie vorher auf 250 Quadratmetern, haben sie nun mit 2000  Quadratmetern genug Platz, um „hineinzuwachsen“. Eine Küche mit Gastrobereich eröffnet ganz neue Perspektiven. „Wir könnten hier ein Testlabor einrichten, Maschinen reinstellen, aber dafür bräuchte man jemanden, der die Produktentwicklung in die Hand nimmt. Die Produktentwicklung ist definitiv ein Thema für uns“, sagt Heiko. „Wir müssen uns als Lieferant im Bereich Frühstück noch breiter aufstellen, damit wir im Einzelhandel nicht austauschbar sind.“

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