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NICE & JUICY: Gesunde Döner, vegane Donuts – und ein Franchise in Planung

Mohammed Fadhel Al-Lami hat sich während seines Studiums selbstständig gemacht. Mit Gastronomie hatte der Hallenser keine Erfahrung, und doch gründete er erst einen Döner- und dann einen Donut-Laden. Warum Halle der ideale Standort für ihn ist und was seine Donuts mit Instagram zu tun haben. 

Halle (Saale). Stress und gutes Essen: Beides gehört fest zum Leben von Mohammed Fadhel Al-Lami dazu. Was dem 21-Jährigen nicht schmeckt, geht nicht über seine Tresen, und davon hat er am Reileck in Halle (Saale) mittlerweile zwei. Einer steht im Dönerladen NICE und der andere im JUICY, wo Mohammed und sein Team vor allem vegane Donuts und Bagels verkaufen. Zwischen beiden Läden liegen nur wenige Minuten Fußweg.
 

Die prominente Lage in Halles beliebtem Paulusviertel war ein Grund für den Jungunternehmer, sich in der Gastrobranche selbstständig zu machen. Zufall war ein zweiter, denn eigentlich wollte Mohammed seit der siebten Klasse TÜV-Prüfer bei der Dekra werden. Gründen stand nicht auf dem Plan. Doch dann ging der Hallenser mit einem befreundeten Immobilienmakler am Reileck spazieren und vorbei an einem leer stehenden Ladengeschäft, in dem vorher ein Wrap-Bistro war. 


Erst die Lage, dann die Geschäftsidee

Sein Freund wusste von der voll ausgestatteten Küche, sprach von Potenzial und geringen Investitionskosten. „Das ist voll die hippe Lage. Vor allem wir jungen Menschen treiben uns da oft rum. Ich hatte direkt Lust, was daraus zu machen“, sagt Mohammed. Dass er zu dem Zeitpunkt im zweiten Semester Maschinenbau in Merseburg studierte und überhaupt keine Gastroerfahrung hatte, störte den damals 19-Jährigen wenig. Nach einem Besichtigungstermin war es endgültig um ihn geschehen: direkt verliebt. 

Erst im nächsten Schritt fragte er sich, was er aus dem Laden eigentlich machen wollte. „Ich dachte, ein Café wäre cool oder ein Waffelladen. Döner war nicht mein erster Gedanke, dabei liebe ich Döner und esse ihn sehr gern, aber nicht in Halle“, sagt Mohammed. Das damals bestehende Angebot in der Stadt sei ihm zu fettig gewesen. Der Gedanke ließ ihn nicht los: Wie könnte man den Döner gesünder machen?Da war sie, die Idee für sein Konzept.


Joghurt statt Mayo, Vollkorn statt Weizen

Er will Vollkornbrot statt Weißbrot und pure Saucen statt Mayo. „In unserer Kräutersauce ist zum Beispiel nur Joghurt mit Kräutern, das schmeckt man direkt raus“, sagt er. Auf eine vegane Alternative legte er bei der Entwicklung seiner Geschäftsidee wert, auch wenn er selbst Fleisch isst. „Ich habe viele Freunde, die sich vegan ernähren. Immer wenn wir essen gegangen sind, hatten wir das Problem: Wo gehen wir zusammen hin? Wo können wir alle günstig essen?“, sagt Mohammed. „Ich sehe es nicht ein, dass ein Veganer mehr bezahlen soll. Deshalb kostet bei mir der vegane Döner genauso viel wie der Döner mit Fleisch.“ Wie man Döner zubereitet, lernte der frisch gebackene Gastronom von seinen Mitarbeitern. Bei der Eröffnung im Juli 2019 stehen die Leute Schlange. 

Zwei Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Mit dem Unterschied, dass Mohammed mittlerweile Wirtschaftsingenieurwesen in Köthen studiert, weil er seine Zukunft eher in der Wirtschaft sieht als im Umgang mit Schrauben und Elementen. Dieses Mal macht ihn ein anderer Immobilienmakler auf einen leeren Laden an der Reilstraße aufmerksam. Nach nur 15 Minuten Verhandlung unterschreibt der Jungunternehmer den Mietvertrag. Mohammed weiß: So eine Chance wird sich in der Lage nicht so schnell wieder bieten. „Ich habe erst gedacht, ich mache ein NICE-Restaurant daraus, mit Sitzplätzen“, sagt er. „Aber zwei NICE-Läden so nah beieinander zu haben, das wäre blöd gewesen.“ 


Im Sprint zum Donut-Laden

Dann doch lieber ein ganz anderes Konzept. „In Berlin gibt es ja einen echt coolen Donut-Laden, den ich sehr feiere. Der verkauft auch vegane Donuts. Da habe ich mich gefragt, warum gibt es so etwas in Halle nicht?“ Das könnte krass werden, dachte sich der Gründer. Mit dem Bäcker, der ihn auch schon mit Vollkorn-Dönerbrot beliefert, entwickelt er einen veganen Teig für die in Fett gebackenen süßen Ringe, die im Anschluss mit frischem Obst, Cremes und leckerem Süßkram verziert werden.

Weil ihm Donuts allein zu eintönig sind und Bagels auch ein Loch haben, schreibt er sie ebenfalls in sein Konzept. Auch will der Gastronom unbedingt gesunde Getränke anbieten, daher erfindet Mohammed seine sogenannten „Smoothies mit Absichten“. Mixgetränke aus Obst und Gemüse, die Energie geben oder beim Entgiften des Körpers unterstützen sollen. Sein Credo beim Kreieren der Speisekarten: jede Menge Bio-Zutaten und möglichst regional. Kaffee und Eis bezieht er zum Beispiel von anderen Jung-Unternehmer*innen aus Halle.

Wenn Mohammed erzählt, wirkt vieles ganz leicht. Er sprüht vor positiver Energie. Der Name „JUICY“ für seinen neuen Laden sei ihm selbst eingefallen, das Logo sowie das markante Pink, in das sein Geschäft getaucht ist, und letztlich auch die Speisekarte habe er sich in vielen Nachtschichten allein überlegt. Vom Mietvertrag bis zur Eröffnung vergingen nur vier Wochen, ein Zeitplan, für den er von seinem Professor für Unternehmensgründung nur einen Satz kassiert: „Das können Sie vergessen.“ Doch der Coup gelingt. Auch vor dem JUICY bilden sich in den ersten Wochen lange Schlangen. Statt vorab geschätzten 100 Donuts am Tag, gehen weit über 1000 Kringel raus. Schnell braucht es größere Rührgeräte, um die Nachfrage bedienen zu können.

„Wenn man sein Ziel vor Augen hat und den Stein ins Rollen bringt, läuft alles automatisch.“ — Mohammed Fadhel Al-Lami

Auf Hürden auf dem Weg in die Selbstständigkeit angesprochen, denkt Mohammed als Erstes an das komplizierte Verlegen von Wasserleitungen und andere technische Baustellen. Er ist noch nachträglich dankbar für seinen vielseitig begabten und vernetzten Freundeskreis, der immer zur Stelle sei.

Das Gründen stellte für ihn kein Hindernis dar. An den entsprechenden Kursen im Studium habe das jedoch nicht gelegen, das sei zwar interessant gewesen, habe aber nicht widergespiegelt, was tatsächlich bei einer Gründung abgehe. „Wenn man sein Ziel vor Augen hat und den Stein ins Rollen bringt, läuft alles automatisch. Man lernt sich im Prozess selbst kennen, aber auch viele Menschen, die einem immer mit Rat und Tat zur Seite stehen“, sagt Mohammed. 


Brief für Brief zum eigenen Unternehmen

„Du gehst zum Gewerbeamt, meldest dein Gewerbe an. Dann bekommst du einen Brief vom Finanzamt mit der Umsatzsteuernummer, dann bekommst du mal von der einen Stelle einen Brief, mal von der anderen. Du musst die Sachen halt bearbeiten und beantworten.“ Allein gelassen fühlte er sich in dem Prozess nie. Man bekomme ständig Post, die einem sagt, was zu tun ist. „Dein Briefkasten ist immer voll.“ 

Die Buchhaltung übernimmt ein Fachanwalt für ihn, der ihm auch bei anderen unternehmerischen Fragen zur Seite steht. Ohne ihn wäre er in manchen Dingen vielleicht auch gescheitert, vermutet Mohammed. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass er und sein ganzes Team immer für mich da sind und mich mit vollem Herzen unterstützen.“
Insbesondere in der Anfangsphase der Corona-Pandemie. „Da hat man ein Gefühl dafür bekommen, wie schnell es eigentlich aus sein kann.“ Bei NICE stand er damals vor der Entscheidung: Zumachen oder geöffnet lassen? Er machte weiter und stellte seinen Betrieb zusätzlich auf Lieferdienst um. Er programmierte die Website neu und integrierte mit der Hilfe eines Freundes ein Bestellsystem. Die Lieferungen fuhr er zum Teil selbst aus. 


Lockdown-taugliches Geschäftsmodell

Erfahrungen, die sich auch auf das JUICY auswirkten. „Wir haben den Donut-Laden im Juni 2021 eröffnet“, sagt Mohammed. „Da fanden die ersten Lockerungen statt. Und doch war klar, dass das Geschäftsmodell auch einem möglichen nächsten Lockdown standhalten musste.“ Donuts und Bagels seien dafür ideal. Super zu transportieren, und kalt werden kann auch nichts.

Der Lieferdienst ist seit der Eröffnung fester Bestandteil, einen weiteren Service hat er allerdings seiner zahlreichen Kundschaft zu verdanken. „Es kamen Eventfirmen vorbei, die Hochzeiten, Babypartys oder andere Feiern organisieren, und Donut-Türme aus 300 oder 400 Donuts bestellt haben“, so der Unternehmer. „Das geht gerade richtig ab. Damit und mit dem großen Absatz allgemein habe ich echt nicht gerechnet.“ Selbst eine Beerdigung hat er schon mit seinem veganen Gebäck beliefert.


Die Macht der Bilder

Was er einkalkuliert hat, ist der Onlinedienst Instagram, auf dem Millionen von Menschen weltweit Bilder und Videos teilen. Nicht nur die Donuts und Smoothies im JUICY sind bunt und fototauglich, im gesamten Laden finden sich ganz bewusstEyecatcher, die sich als Hintergrund für Handybilder eignen. Dazu gehört eine Wand aus pinken Stoffrosen auf der in Leuchtschrift steht: „Can’t buy love. But you can buy me donuts.” Mohammed: „Instagram und Social-Media-Marketing ist für mich ein großes Thema. Ich habe mich damit sehr viel befasst. Jeder Kunde, der hier reingekommen ist, zückt sein Handy und teilt die Bilder bei Instagram.“ Zusätzlich habe er Werbeanzeigen auf der Plattform geschaltet. „Das Coole am Standort Halle ist, dass Instagram-Werbung in der Stadt noch sehr entspannt ist. Schon mit einem Budget von zehn Euro erreicht man Tausende von Menschen. In einer Großstadt wie Berlin kommst du damit nicht weit.“


In Halle geht noch einiges

Überhaupt sei das gastronomische Potenzial in seiner Heimatstadt noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn jemand ein cooles, außergewöhnliches Konzept hat, dann würde das schon laufen, ist er sich sicher. „Halle ist eine kleine Stadt. Man bekommt hier echt schnell Support von den Hallensern als Kunden, aber auch von der Stadtverwaltung. Die helfen dir immer“, sagt Mohammed. „Wenn ich Fragen habe, ruf ich einfach beim Gewerbeamt an und bekomme sofort eine Antwort. Ich glaube, in anderen Großstädten wäre das nicht so einfach.“

Er ist überzeugt, dass Halle in den nächsten Jahren „richtig abgehen“ wird. Wegzuziehen könne er sich deshalb auch niemals vorstellen. Seine Geschäftsmodelle sollen jedoch noch andere Orte erobern. Anfragen von potenziellen Franchise-Nehmer*innen aus Osnabrück oder Hannover lägen bereits vor. Der Unternehmer möchte seine Erfahrungen außerdem mit anderen Gründer*innen teilen und beratend tätig werden: eine weitere Geschäftsidee. 


Nach dem Studium soll es noch "krasser" werden

„Erst mal will ich aber mein Studium durchziehen. Meine Bachelorarbeit steht demnächst auf dem Programm“, sagt Mohammed. „Aktuell bin ich zu 70 Prozent Unternehmer und zu 30 Prozent Student. Wenn die Uni vorbei ist, will ich beide Läden noch krasser machen und mich um den Franchise-Aufbau kümmern.“

Seine Tage haben 16 Arbeitsstunden und den Rest der Zeit schläft er. Obwohl er mittlerweile ein großes Team von Mitarbeitenden hat, steht er auch immer noch gerne selbst hinter der Theke, begrüßt seine Kund*innen, plaudert. Das gibt ihm Kraft. So könne auch direkt verbessern, wenn mal etwas nicht passt. 

Er sei ein Fan von ehrlicher Kritik, nur so lerne er. Auch das Ingenieurstudium helfe ihm als Unternehmer. „Als Ingenieur wird dir beigebracht, immer einen kühlen Kopf zu behalten und Lösungen für Probleme zu finden“, sagt Mohammed. Einen Alltag ohne Stress kann er sich nur schwer vorstellen. „Vielleicht suche ich mir in zehn Jahren eine Stelle als Ingenieur, dann bin ich 31 und sehr alt. Aber das ist noch sehr weit weg. Ich sehe mich hier. Ich lebe das, was ich mache.“

Veröffentlicht am 6. September 2021

Autorin: Anne Breitsprecher
Fotos: Carolin Krekow