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Burgenlandschmiede: Schlag für Schlag in die Selbstständigkeit

Lukas Nelkenbrecher hat auf der Walz die Welt gesehen. Warum es für die Gründung seiner Schmiede trotzdem keinen anderen Ort als den Burgenlandkreis gab. 

Pretzsch. Wenn es um seine Messer geht, legt Lukas Nelkenbrecher Wert auf Macken. „Die sind geschmiedet, das darf man gerne sehen“, sagt der 33-jährige Gründer der Burgenlandschmiede. Jedes einzelne wurde immer wieder in einem 1000 Grad heißen Feuer erhitzt und mit dem Hammer in Form gebracht. Die Oberflächen der Klingen haben Struktur und sind sichtbar Einzelstücke.  

Was Lukas noch wichtig ist? Eine schlichte Form, ganz reduziert auf die reine Funktion. Das kommt an. Der gelernte Metallgestalter kann die große Nachfrage kaum bedienen. Ein Messerschmied sei er jedoch nicht, stellt er klar: „Ich bin nur ein Schmied, der Messer macht, deswegen sind die auch sehr rustikal und einfach gehalten.“ 
 

Im Sommer 2019 hat Lukas seinen Handwerksbetrieb in einer alten Schmiede im kleinen Dörfchen Pretzsch südöstlich von Naumburg gegründet. Umgeben von Drachen aus Eisen, Ambossen und Maschinen, die zum Teil 70 Jahre und älter sind, schürt er dort täglich das Feuer. Schlag für Schlag fertigt er neben Messern auch Pfannen, Geländer, Tore oder ganz individuelle Wünsche seiner Kund*innen. Lukas’ Zuhause im 50-Seelen-Ort Köckenitzsch ist nur 15 Kilometer entfernt. Aus der Region wegzuziehen, war nie ein Thema – die Welt zu sehen aber schon.  


Faszination Feuer 

Der Weg zum eigenen Unternehmen führte für den Schmied über drei Kontinente und begann bereits in der Jugend im Nachbarort. „Dort hatte jemand ein Schmiedefeuer und hat Pflugscharen ausgeschmiedet“, sagt Lukas. Das Feuer. Der Hammer. Das glühende Eisen. Ein Anblick, der so faszinierte, dass sich der Teenager zu Hause aus einer Wagenfelge und einem Staubsauger kurzerhand selbst ein Schmiedefeuer baute. Mit dem Feuer habe er schon immer gern gespielt. Lukas’ Leidenschaft war damals das Mittelalter, und das Jahrtausende alte Handwerk war dazu das passende Hobby.  

Sein Plan, die Leidenschaft nach der Schule zum Beruf zu machen, ging zunächst nicht auf. Eine geeignete Lehrstelle gab es nicht, also machte Lukas eine Ausbildung zum Techniker im Bereich Biotechnik im nahe gelegenen Weißenfels. Doch Proben ansetzen, scannen und auswerten – das war ihm zu monoton. Lukas kniete sich rein, recherchierte. Er fand heraus, dass das Schmiedehandwerk in der Ausbildung zum Metallbauer mit der Fachrichtung Metallgestaltung gelehrt wird. Nach Abschluss seiner ersten Lehre und einem Jahr als Angestellter in einem Labor machte er einekleine Dorfschlosserei im Erzgebirge aus, die ihn als Lehrling einstellte.  


Am Anfang war: der Metallbau 

„In der Ausbildung haben wir eigentlich überwiegend Metallbau gemacht. So Kringelzäune oder simplen Metallbau für Supermärkte“, sagt Lukas. „Aber das ist gut, Metallbau ist wirklich die Grundlage für alles.“ Neu war für den angehenden Schmied auch das exakte Arbeiten nach einer Zeichnung und die Reproduktion. „Mein Meister hat immer gesagt: Schmieden ist nicht schwer, zwei Mal das Gleiche schmieden, aber schon.“  
 

„Das ist eine Region im Aufwind. Du siehst, dass es hier eine Zukunft gibt.“ - Lukas Nelkenbrecher

Im Beruf angekommen, sehnte sich Lukas nach fremden Ländern. Er wollte auf Walz gehen, das Schmieden in Japan, Schottland oder Norwegen neu erfahren. Die Bedingungen für die Wanderschaft der “zünftigen Gesellen” erfüllte er: Maximal 30 Jahre alt, ungebunden und schuldenfrei sollte man sein. „Die Walz bedarf wirklich einer Vorbereitung, wenn du das traditionell machen willst“, sagt der Handwerker. Er wandte sich an eine entsprechende Vereinigung für Metallgewerke. Die richtigen Kontakte brachten Lukas Schritt für Schritt auf den Weg. Mit dem Gesellenbrief in der Hand gab es für ihn kein Halten mehr.  


Die Walz ist kein Spaziergang 

Ein befreundeter Wandergeselle nahm ihn für ein paar Wochen mit und zeigte ihm das Leben auf der Straße. Wie trampt man? Wie spricht man Leute an? Wie bekommt man mal etwas zu essen, ohne zu bezahlen? Jobs zu finden war jedoch kein Spaziergang. „Ich habe wirklich hart suchen müssen“, sagt Lukas. „Ich bin da von Lüneburg bis Borkum, von Stadt zu Stadt und wieder zurück.“

Dann kam er zu Peter Maas in die Schwarze Schmiede nach Reinstorf in Niedersachsen. „Der fragte mich: ‚Willst du hier arbeiten und Geld verdienen oder willst du was lernen? Beides gibt es bei mir nicht.‘ Ich wollte was lernen und er hat mir was beigebracht.“ Der erfahrene Schmied zeigte Lukas unter anderem, wie man hochwertige Messer in Serie schmiedet. Wie man hoch komplexe Manufakturprodukte auf Zeit herstellt, um etwas verkaufen zu können. „Peter hat mich fit gemacht und mich als Schmied eingenordet.“  

Später, in Ländern wie Namibia oder Chile, übte sich Lukas vor allem im Improvisieren. „Ich auf einer Farm, auf der man nur Holz hatte, um das Metall zu erwärmen. Dazu noch eine alte Esse, und das war es dann“, sagt der Schmied. „Alles bringt dich handwerklich nach vorne. Auch wenn du mal siehst, wie du es nicht machst.“

Das Reisen auf Wanderschaft hätte noch weitergehen können, doch gleichzeitig wuchs in ihm der Wunsch nach etwas Neuem. „Das ungebundene Leben, das macht was mit dir“, sagt Lukas. „So eine Wanderschaft bringt dich schnell weit, aber auch nicht weiter. Du verlierst dich unter Umständen und lebst dann nur noch planlos vor dich hin.“ 


Ankommen im eigenen Betrieb 

Noch auf der Walz meldete er sich in Göppingen in Baden-Württemberg zur Meisterschule an. Ein Jahr später saß er mit anderen Handwerkern wieder auf der Schulbank. Auf seiner Reise hatte er gelernt, wie andere vom Schmieden leben, in der Meisterschule kam das betriebswirtschaftliche Wissen hinzu sowie die pädagogische Weiterbildung, um selbst einmal ausbilden zu können. Lukas’ Ziel: eine eigene Schmiede.

Ein Jahr und einen Abstecher nach Kanada später gründete er die Burgenlandschmiede. Unterstützung erhielt er auch vom Burgenlandkreis in Form von kostenlosen Vor- und Nachgründungskursen im Rahmen des Programms ego.-WISSEN. „Das war echt top. Weil die hier ziemlich viele Coachings anbieten“, sagt Lukas. „Da sitzt ein Profi, der bei den wichtigen Themen Bescheid weiß und dir auch individuelle Fragen zu deinem Unternehmen beantworten kann.“ Sogar bei der Suche nach einem Kredit zum Kauf der Schmiede gab der Experte den entscheidenden Tipp. 

Der Start des Handwerksbetriebs glückte. Für Nachfrage sorgte der Jungschmied selbst. „Ich biete an, worauf ich Bock habe und dann guck ich, ob jemand Lust darauf hat.“ Das Alleinstellungsmerkmal seiner Schmiedearbeiten ist eine schlichte Formgebung mit gewissen Extras. „Riesige pompöse Barockgitter will in der Region zum Beispiel keiner mehr haben“, sagt Lukas. Die seien unendlich aufwendig in der Herstellung und dadurch unbezahlbar. „Aber wenn ich jetzt einen Handlauf elegant ausschmiede und mit einer schicken Schraube an die Wand baue, dann ist das einfach in der Herstellung, sieht gut aus und ist nicht teurer als Edelstahl.“ Sein Angebot sei „querbeet“, sogar ein Grabkreuz wurde in Auftrag gegeben. Für Lukas eine besondere Ehre. Er freut sich über das Vertrauen seiner Kund*innen. 


Am richtigen Ort zur richtigen Zeit 

An Ideen mangelt es nicht. Lukas bietet bereits Schmiedekurse für Laien an. Ein Angebot, das er erweitern möchten. Seine Werkstatt will er langfristig auf Induktion umstellen und stärker auf Manufaktursachen und den Verkauf seiner Produkte in der Region setzen. Auch seinen ersten Azubi hat er eingestellt. Ausbildungsbeginn: September 2021.  

Lukas ist sich sicher, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. „Meine Lage ist super“, sagt der Unternehmer. „Du hast hier die Bundesstraße, die Autobahn. Du bist schnell in Jena, in Leipzig oder Halle. Das ist eine Region im Aufwind. Du siehst, dass es hier eine Zukunft gibt.“ Stichwort: Strukturwandel.

Das alte Kohlerevier sei zukünftig auch ein Riesen-Markt für Umstrukturierung. „Ich weiß noch nicht, was sich da ergibt, aber es wird auf jeden Fall spannend.“ Was sein Jahrtausende altes Handwerk zukunftsfähig macht? „Ich gebe den Leuten das Gefühl, dass ein Stück gute alte Zeit immer noch vorhanden ist. Es wird alles immer schnelllebiger“, sagt der Gründer. „Da sehnt man sich auch nach ein bisschen Sicherheit, nach etwas, was man kennt. Und das kann ich anbieten.“

Veröffentlicht am 30. August 2021

Autorin: Anne Breitsprecher
Fotos: Carolin Krekow