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Vireo.de: Mit grüner Elektronik zurück zur Natur

Hermann Hetzer ist Sinn wichtiger als Gewinn. Der Gründer eines Online-Shops für grüne Elektronik geht in Merseburg seinen eigenen Weg.

Merseburg. Wie wollen wir leben? Nach dem Modell höher, schneller, weiter? Oder braucht es auch in der Wirtschaft neue, nachhaltigere Alternativen? Hermann Hetzer arbeitet in Merseburg seit einigen Jahren an eigenen Antworten auf diese Fragen.

Er gründete 2010 Vireo.de, einen Online-Shop für grüne Elektronik. „Es gab einen Moment als Teenager, wo ich auf eine Festplatte schaue, und da steht drauf: Made in China“, sagt der heute 37-Jährige. „Ich fragte mich damals: ‚Das ist so eine weite Reise, warum eigentlich?‘“  

Für Computer interessiert sich Hermann, seit ihm seine Eltern als Kind den ersten Rechner schenkten. Auch, dass sich damit Geld verdienen lässt, entdeckt der Merseburger früh. Mit Freunden startet er im Alter von 17 Jahren eine Schülerfirma, gestaltet Websites für Autohäuser und kleine Agenturen. Zusätzlich verkauft er über Ebay alte Laptops und PCs, die er selbst aufbereitet. 

Nach einem Auslandsjahr in den USA studiert er erst Wirtschaft und entscheidet sich dann aber für interkulturelle Europa- und Amerikastudien. Der Klimawandel ist ihm schon lange ein Anliegen, doch erst eine Mitfahrgelegenheit motiviert ihn zum Gründen in Grün.  


Stick für Stick zum Erfolg 

„Ich hatte in München ein Bewerbungsgespräch bei einer größeren Firma“, erinnert sich Hermann. „Es war zuerst alles gut, doch dann erfuhr ich, dass dieses Unternehmen zu einem Unternehmen gehört, das Waffen herstellt. Das konnte ich nicht machen. Ich musste mir was anderes suchen.“  

Er erzählt seiner Mitfahrgelegenheit davon. Schwärmt auf der Heimfahrt von einer Radreise nach Frankreich. Damals im Gepäck: ein Radio mit Dynamo und dem Solarladegerät fürs Handy. Überhaupt, grüne Elektronik, da gibt es noch nicht so viel, damit könnte man vielleicht was verändern. Erfahrung mit Online-Handel habe er schon. Er wolle was Eigenes, Sinnvolles starten. Die Antwort seines Gegenübers: „Du kannst es doch probieren. Später wirst du dich ärgern, wenn du es nicht versucht hast.“ Das war der entscheidende Moment. „Ich musste es einfach machen, egal wie verrückt oder wie umständlich das vielleicht sein mochte“, so Hermann. Der Grundstein für Vireo.de war gelegt.  

Zu einer Zeit, in der nachhaltige Produkte noch nicht im Trend liegen, besetzt Hermann eine Nische. Er verkauft USB-Sticks aus Bambus und Mais. Zunächst über verschiedene Plattformen, später auch über den eigenen Webshop. „Als es losging, haben wir uns einem krassen Kampf aussetzen müssen“, sagt er. „Es gab einfach noch viel weniger Nachfrage und sehr klare Entscheidungen über den Preis.“ Jeder verkaufte USB-Stick ist damals ein Erfolg.  


Firmenphilosophie, die verpflichtet 

Als erster Händler in Deutschland nimmt Hermann 2014 das Fairphone ins Sortiment auf, ein modulares Smartphone, das unter fairen Bedingungen hergestellt wird. Die Handys kommen gut bei den Kund*innen an und machen heute einen Großteil des Umsatzes aus.  

Alle Produkte auf Vireo.de sind das Ergebnis einer ganzheitlichen Analyse. „So ist eine Drehtaschenlampe aus Plastik, die nie wieder Batterien benötigt, genauso umweltfreundlich wie eine Laptoptasche aus recycelten Materialien“, heißt es in der Firmenphilosophie.

Auch sonst stehen alle Zeichen auf Grün: minimale Verpackung aus recycelbaren Materialien, klimaneutraler Versand und ein Konto bei der Ethikbank. Hermann wäre gerne noch konsequenter. Dass das nicht so leicht ist, dafür macht er auch die Politik verantwortlich. 

„Es ist eine schwierige Bewertung: Was ist wirklich grün und was wirklich nachhaltig?“ Es gebe auch nach vielen Jahren keine ausreichenden Siegel oder Zertifikate, die verlässlich sind. Der Unternehmer glaubt daher an die Kraft der Marken. An Firmen, die eigene grüne Standards leben und sich einem größeren Zweck unterordnen – nicht den Interessen von Investor*innen. So geht auch Hermann mit Vireo.de seinen eigenen Weg. 

„Irgendwann sehen wir vielleicht auch als Gesellschaft nicht mehr nur den finanziellen Gewinn und gehen Schritt für Schritt in eine andere Richtung.“ — Hermann Hetzer

Vogelarten und recycelbare Kabel – die optimale Verbindung 

Der lang gehegte Traum vom ersten eigenen Produkt erfüllt sich im März 2020: Recable. Ein farbenfrohes USB-Kabel – fair produziert und beinah vollständig recycelbar. „Es ist das erste nachhaltige und bunte Kabel aus Deutschland“, sagt Hermann. „Kabel sind normalerweise schwarz-weiß, kommen aus Fernost und werden unter schlechten Bedingungen hergestellt.“  

Fast ein Jahr lang dauerten die Recherche und Überzeugungsarbeit bei Zulieferern, bis das kleine Team aus Tüftler*innen und Kreativen in Merseburg den Beweis antritt: Es geht auch anders. Ohne Weichmacher und Schwermetalle. Die nachhaltigen Kabel aus Merseburg sind mit kompostierbarer Baumwolle, Basalt-Steinfasern oder PET umhüllt und lassen sich leicht reparieren. Jedes der bunten Modelle trägt einen Vogelnamen. Smartphone laden leicht gemacht dank Blaumeise, Eisvogel und Kubaflamingo.  

„Die bunten Farben und Kombinationen hatten wir schon, aber irgendetwas fehlte noch“, so Hermann. „Die Idee mit den Vogelarten war die optimale Verbindung.“ Der Ansatz bei der Entwicklung der Kabel und genereller Antrieb des Merseburgers: zurück zur Natur. „Es geht nicht anders, wir wollen eine Kreislaufwirtschaft, weil wir keinen weiteren Elektroschrott wollen.“   


Mit Visionen zu mehr Zufriedenheit 

Nach seiner Zukunftsvision gefragt, fallen Stichworte wie das bedingungslose Grundeinkommen. Mehr Freiwilligkeit statt Druck im Job. Mehr Augenhöhe. „So könnten wir gemeinsam Visionen schaffen, die uns irgendwie berühren, um zufriedener zu sein.“  

Als Arbeitgeber versuche er, diesen Druck im Team abzubauen – mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Er schwärmt von Initiativen aus Brandenburg, die Co-Working-Spaces auf dem Land installieren. In Merseburg sieht sich Hermann mit solchen Ideen eher als Einzelkämpfer. Doch um etwas zu bewegen, brauche es vor Ort mehr Menschen, die so denken, wie er. Leute, die Lust auf neue Formen des Arbeitens und Lebens haben. 


Von München auf den Dachboden nach Merseburg 

Gegründet hat Hermann Vireo.de noch mit einem kleinen Gründerteam in einer WG in München. Doch irgendwann stapelten sich die Pakete in der Gemeinschaftsküche und im Flur. „Ich habe ab einem gewissen Punkt gemerkt, dass das so nicht mehr geht“, sagt er. „Ich hatte aber nicht die Lust und die Kapazitäten, mich in München niederzulassen. Da habe ich mich allein auf den Weg gemacht. Zurück in die Heimat und auf den Dachboden meiner Eltern.“

Heute sind Büros, Lager und Werkstatt auf dem Gelände einer alten Rohrfabrik in Merseburg zu finden. Die Saale rauscht vor der Tür und auch bei Vireo.de ist vieles im Fluss. „Hier haben wir für sehr günstige Mieten eine ganze Menge Platz. Was wir uns hier geschaffen haben, das ist schon cool“, sagt der Unternehmer und nimmt einen Schluck von seinem Lupinen-Kaffee. „Wäre natürlich toll, wenn sich hier mehr entwickeln könnte. Die Räume dafür hätten wir. Aber das braucht auch alles ein gewisses Momentum.“ Um Entwicklungen vor Ort mitzugestalten, engagiert sich Hermann seit einiger Zeit auch im Stadtrat als Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen.  


Weniger Gemütlichkeit, mehr Gründerdenken? 

Was ihm in Sachsen-Anhalt fehlt? „Das Gründerdenken“, sagt Hermann. „Sachsen-Anhaltiner haben eine gewisse Gemütlichkeit. Man gibt sich vielleicht auch einfach mit ein bisschen weniger zufrieden. Eigentlich eine sehr gute Grundlage für ehrliches Unternehmertum.“ 

Hermann wollte immer gründen und etwas Sinnstiftendes tun. Am Ende ist er damit noch lange nicht. „Irgendwann sehen wir vielleicht auch als Gesellschaft nicht mehr nur den finanziellen Gewinn und gehen Schritt für Schritt in eine andere Richtung“, sagt der Merseburger. „Wir haben schon Möglichkeiten, dass authentisches, vielleicht auch soziales Unternehmertum gedeihen könnte. Langfristig.“

Veröffentlicht am 29. März 2021

Autorin: Anne Breitsprecher
Fotos: Carolin Krekow