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Bäckerei Kelber: Zwischen Sauerteig und Social Media

Ilsenburg. Es riecht nach frischem Brot. Nach Sauerteig, warmen Brötchen und einem Handwerk, das hier seit Generationen zuhause ist. In der Auslage warten süße Teilchen auf die Kundschaft. Hinten in der Backstube steht Kieran Schneider, zieht Brote aus dem Ofen und filmt zwischendurch ein Video für Instagram. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von Heinrich und Marie Kelber, die den Betrieb 1914 gründeten. Heute schreibt ihr Urenkel die Geschichte weiter. 

Dass die Öfen in der Bäckerei nochmal richtig glühen würden, war vor ein paar Jahren kaum denkbar „Aber es wäre schade gewesen, wenn so ein Familienmittelpunkt verschwindet“, sagt Kieran Schneider. Die Bäckerei gehört zu Ilsenburg wie der Brocken zum Harz. Viele Einheimische sprechen bis heute von der „Kelber-Kreuzung“, wenn sie den Standort beschreiben. Als die Großeltern von Kieran Schneider den Betrieb schließen, kann er den Gedanken nicht abschütteln: Hier geht etwas verloren, das weit mehr ist als ein Geschäft. 

Mehl im Blut

Als Kind verbringt der Ilsenburger viel Zeit in der Bäckerei seiner Großeltern. Die Familie wohnt direkt daneben. Oma und Opa passen oft auf die Enkel auf. Darum hat Kieran Schneider viele Kindheitserinnerungen – an den Geruch, an die Arbeit in der Backstube und an das Läuten der Ladenglocke. „Bei uns haben alle Mehl im Blut“, sagt er und lacht. Trotzdem führt ihn sein Weg nach dem Abitur zunächst nicht ins Bäckerhandwerk. Kieran Schneider entscheidet sich nach dem Abitur für den Beruf des Industriemechanikers und arbeitet im Ilsenburger Walzwerk – auch so ein Traditionsbetrieb im Ort. Wegzugehen kommt für ihn nie infrage. „Ich liebe den Harz“, sagt er. „Ich muss den Brocken sehen. Ich mag das alles hier. Das ist die Heimat, die ich brauche.“ Und zu der gehört wiederum seine Familiengeschichte. Irgendwann fragt der Großvater dann nämlich doch, ob er sich vorstellen könnte, die Tradition fortzuführen. Da ist die Bäckerei-Tür offiziell schon eine Weile geschlossen. Die Idee lässt den jungen Ilsenburger nicht mehr los. Gemeinsam rechnen sie, planen und diskutieren. Funktioniert eine handwerkliche Bäckerei heute noch? Schätzen die Menschen echtes Backhandwerk oder gewinnen am Ende doch die Aufbackbrötchen aus dem Discounter? Welche Investitionen sind nötig? „Man muss sich gut überlegen, ob man das möchte“, sagt Kieran Schneider heute. „Das frühe Aufstehen ist dabei nicht das Problem. Man muss eher wissen, ob man wirklich Unternehmer sein und Verantwortung übernehmen will.“


Ein Bewahrer mit eigenen Ideen

Er entscheidet sich dafür, setzt sich noch einmal auf die Schulbank, lernt das Handwerk von Grund auf, frischt die Praxis beim Großvater auf, macht seinen Meistertitel. 2022 wagt Kieran Schneider den Schritt in die Selbstständigkeit. Als an der Tür steht „Bäck in Ilsenburg – Wir sind wieder da“, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Heute ist der junge Harzer Geschäftsführer und Bäckermeister in einer Person. Er setzt auf einen Mix aus Tradition und Zukunft. Die Grundidee der Bäckerei hat sich in mehr als 100 Jahren kaum verändert. Auch heutzutage nicht. „Bei uns hat noch nie ein Brot ohne Natursauerteig den Laden verlassen“, sagt der Bäckermeister.



Entschleunigung  als USP

Mehl, Wasser, Salz und Zeit – mehr braucht es nicht in der Kelber-Backstube. Auf künstliche Konservierungsstoffe, Backhilfsmittel oder Teigverbesserer wird hier verzichtet. Gebacken wird mit Weizen, Roggen, Dinkel und uralten Getreidesorten wie Emmer. „Ich sehe mich als Bewahrer der Tradition“, sagt Kieran Schneider. „Wir gehören zu den Handwerksbetrieben, die ihre Fertigkeiten hochhalten.“ Während anderswo Masse zählt, setzt er auf Entschleunigung. Manche Teige fermentieren über viele Stunden, ein Croissant braucht vom ersten Arbeitsschritt bis zum fertigen Gebäck fast drei Tage. „Aber dafür sind die dann mega geil“, sagt er und grinst. Keine Frage: Dieser Bäcker ist von seinen Produkten überzeugt. Bis zu zehn Brotsorten gibt es pro Woche im Ilsenburger Traditions-Geschäft. Das ist weniger als bei großen Bäckereiketten. Kieran Schneider sieht darin keinen Nachteil. „Wir arbeiten nach dem Motto: Weniger ist mehr. Qualität schlägt Quantität.“


Instagram statt Geheimrezept

Neben den Traditionen ist der frische Wind eine wichtige Zutat für das Erfolgsrezept des jungen Unternehmers. Viele neue Kreationen wie das Walpurgisbrot oder das Chiasamenbrot, moderne Vermarktung und Präsenz in den sozialen Netzwerken gehören dazu. Der Kelber-Bäcker zeigt auf Instagram seinen Arbeitsalltag. Wie die Teige entstehen, was hineinkommt, süße Teilchen – und auch die weniger glamourösen Seiten des Berufs: „Die Leute sollen sehen, wie wir arbeiten. Und sie dürfen auch sehen, dass man nach vielen Stunden Arbeit müde aussieht.“ Am liebsten würde er bald auch auf YouTube kleine Backserien hochladen, zeigen, wie man richtig bäckt, Streuselkuchen, Windbeutel oder Eclair. „Je mehr Bäckereien verschwinden, desto mehr Wissen geht verloren“, sagt er. Ein Minute zeigen, wie man Brandmasse macht, Äpfel kocht, Anleitungen geben, Spaß am echten Backen vermitteln, das steht noch auf seiner Todo-Liste. Diese Mischung aus echtem Handwerk und Transparenz kommt an. Die Backwaren landen längst nicht mehr nur über die silberne Brötchenrutsche im Verkaufsraum und im nachhaltigen „Kelberbeutel“. Beliefert werden auch Cafés, regionale Händler und Gastronomiebetriebe im Harz.


Gegründet, um zu bleiben

14 Mitarbeiter sorgen dafür, dass das Geschäft läuft. Gearbeitet wird anders als vielerorts in der Branche. Der Tag beginnt gegen zwei Uhr morgens – vergleichsweise spät für eine Bäckerei. Sonntags und an Feiertagen bleibt die Bäckerei Kelber geschlossen. „Wenn man frisch backt, kommt das Brot, wenn es fertig ist“, sagt der Chef. Für ihn ist eben auch wichtig, dass seine Mitarbeitenden zufrieden sind. Er selbst ist nach vier Jahren Selbstständigkeit immer noch überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Natürlich gab es auch Probleme. Aber ich sammle Erfahrungen, und meistens gibt es eine Lösung.“ Für die Zukunft wünscht er sich, den Standort weiter zu festigen. In seiner Heimat, wo er bleiben möchte. Kieran Schneider backt hier heute die Brote, die schon seine Urgroßeltern gebacken haben, gibt damit der Familiengeschichte ein neues Kapitel. Die Tradition lebt weiter – und der Mut zur Selbstständigkeit ist aufgegangen.

veröffentlicht am: 16.07.2026